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Kernaussagen
„Der Mensch ist von Natur aus böse.“ Dieser weitverbreiteten Meinung stellt sich Rutger Bregman entgegen. Ausgehend von seiner wissenschaftlichen Recherche zur Geschichte und Psychologie
menschlichen Verhaltens argumentiert er dafür, den Menschen als „im Grunde gut“ zu betrachten. Zwar tun Menschen Böses, aber gerade wegen des negativen Bildes anderen Menschen gegenüber. Erst die
Überwindung unseres Zerrbildes über uns als Menschheit wird dazu beitragen, eine gerechtere und ökologisch verantwortliche Gesellschaft zu schaffen.
Aus dem Inhalt:
Blickt man auf die Evolutionsbiologie, so unterscheiden sich Menschen nicht durch eine höhere Intelligenz von Artverwandten wie Schimpansen oder Orang-Utans, sondern durch die sozialen
Lernfähigkeiten. Menschen allein erröten bei einer emotionalen Reaktion oder geben ihre Blickrichtung durch das Weiße in den Augen preis, wohingegen alle anderen Primaten verdunkelte Augäpfel
besitzen. Auf diese Weise sind wir ein offenes Buch für unsere Mitmenschen, was Kommunikation, Vertrauen und damit gegenseitiges Lernen erleichtert.
Während hohe Intelligenz den Erfindungsgeist fördert, geht sie oft mit einer geringeren sozialen Kompetenz einher. Je geringer die soziale Kompetenz ist, desto schwieriger wird das Lernen
voneinander. Das soziale Lernen gilt jedoch als die größte Stärke des Menschen. Denn soziales Lernen ermöglicht eine schnellere kollektive Anpassung an neue Umweltentwicklungen. Die Neandertaler
hingegen waren dazu nicht in der Lage; trotz ihrer individuell großen Intelligenz.
Auch die These, dass Menschen von Natur aus zu Gewalt neigen, ist aus heutiger Sicht wissenschaftlich nicht haltbar. Vergangene Studien, die die Gewaltneigung zu belegen glaubten, haben sich in
vielerlei Hinsicht als methodisch falsch erwiesen. Zum Beispiel wurden in einer bekannten Studie zu Unrecht Tote als Opfer der Gewalt im untersuchten Volke gezählt, obwohl sie eigentlich von
zivilisierten Nachbarn erschossen worden waren. Neue Studien zur Entwicklung von „Jägern und Sammler“-Gesellschaften belegen sogar die große Freundlichkeit der Menschen. Kleine Nomadengruppen
reisen fortwährend, aber wenn sie sich treffen, dann essen und feiern sie gemeinsam und nicht selten vermischen sich die Gruppen immer wieder untereinander.
„Zum größten Teil unserer Geschichte haben wir nicht Besitztümer angehäuft, sondern Freundschaften.“
Auch Ausgrabungen des Homo sapiens aus der Zeit seines Naturzustandes, vor dem Beginn der Landwirtschaft, bieten keinerlei Beweise für eine massenhafte Gewaltneigung. Gewalt trat etwa bei
Fehlverhalten Einzelner auf, die sich ohne Grund über die Interessen der Gruppe zu stellen versuchten. Gleichheit war innerhalb der Gruppe besonders wichtig. Von ihr wurde nur dann abgewichen,
wenn ein Stammesmitglied durch eine Fähigkeit oder Kompetenz temporär der Gruppe als Ganzes helfen konnte. Im Vergleich zu den Neandertalern war Gleichheit in den Stämmen des Homo sapiens auch
durch die Gleichberechtigung der Geschlechter viel stärker und führte zu einem vielfältigeren Netzwerk und einem intensiveren Wissensaustausch.
Wann begannen aber dann die ersten Kriege und warum? Nach der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren fingen Menschen an, sich im verbesserten Klima zwischen Nil und Tigris niederzulassen, weil dort
besonders fruchtbare Natur zur Verfügung stand.
„Faszinierend ist, dass in genau dieser Periode nach dem Ende der Eiszeit auch die ersten Kriege ausbrechen. Genau zu der Zeit, als wir uns an einem Ort niederließen, errichteten wir auch die
ersten militärischen Befestigungen, zeigt sich an archäologischen Untersuchungen. […] Es sind zahlreiche Skelettüberreste ausgegraben worden, die sich auf diese Zeit datieren lassen; sie zeigen
deutliche Anzeichen von Gewalt. Wie konnte es so weit kommen? Wissenschaftler vermuten wenigstens zwei Ursachen. An erster Stelle gab es jetzt Besitz, um den man kämpfen konnte, vor allem um
Land. An zweiter Stelle hat uns das sesshafte Leben misstrauischer gegenüber Fremden gemacht.“
.....
Wenn Menschen im Grunde gut sein sollten, ergibt sich die Frage, wie Gewalt dann überhaupt entstehen kann und warum es in Zeiten der Zivilisation und der Moderne besonders krasse Formen der
Gewalt gab und noch gibt.
„Das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit wurde nicht in einem primitiven Land begangen. Es geschah in einem der reichsten Länder der Erde, dem Land von Kant und Goethe, Bach
und Beethoven.“
Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen Böses tun, ist die Überzeugung, damit etwas Gutes zu erreichen. So waren die Gräueltaten der Nazis nicht einfach von oben herab vorgegeben.
Vielmehr arbeitete der Apparat Hitler zu. Sie standen in einem Wettbewerb um die beste Umsetzung von Hitlers Ideologie, wodurch sie sich mit immer radikaleren Maßnahmen übertrafen.
„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Aber das Böse ist nicht an der Oberfläche, es muss mit großer Mühe nach oben gepumpt werden. Und noch wichtiger: Es muss sich immer als
das Gute tarnen.“
Auch die Philosophin Hannah Arendt zeigte sich während ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses beunruhigt darüber, dass Adolf Eichmann schrecklich normal und seine Bosheit erschreckend banal
erklärbar war. Nicht Gehorsamkeit, sondern Konformismus drängen den Menschen dazu, auch dann noch Böses zu tun, wenn es seiner eigentlichen Natur widerspricht.
Die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel waren bekannt für ihre Willensstärke. Interviews unter gefangenen Wehrmachtssoldaten zeigten jedoch, dass der Grund für ihre Moral nicht
die starke Identifikation mit der Nazi-Ideologie war. Die Opferbereitschaft der Soldaten erwuchs aus der Freundschaft zueinander, die die Wehrmacht gezielt zu fördern wusste.
„Der Mechanismus, der uns zur liebenswertesten Spezies macht, hat uns auch in die grausamste Gattung auf dem Planeten verwandelt.“
Die Empathie zu unseren nächsten Mitmenschen kann uns blind dafür machen, welches Leid wir zum Wohle der einen anderen zufügen. Ähnlich verhält es sich mit dem Verhältnis der Menschen zu Macht.
Experimente zu Gruppendynamiken unter jungen Menschen haben ergeben, dass eher die freundlichsten und sympathischsten eine Führungsrolle erlangen. Aber wenn Macht einmal erreicht wurde,
ändert sich das Verhalten.
„Sie verhalten sich so, als hätten sie einen Hirnschaden erlitten. Im wörtlichen Sinne. Sie sind impulsiver, egoistischer, rücksichtsloser […].“
Unglücklicherweise verhält sich dieser Effekt auch umgekehrt. Fühlen sich Menschen machtlos, werden sie unsicher und zweifeln an sich. Hier handelt es sich um das Gegenteil des Placebos, den
Nocebo-Effekt: Wird suggeriert, ein Medikament mache fälschlicherweise krank, fühlt sich auch der Patient so. Wenn aber Mächtige sich Überlegenheit und Machtlose sich Schwäche einreden,
verstärkt dies das Auseinanderdriften noch weiter.
Rutger Bregman legt eine überzeugende Analyse über die positiven Eigenschaften der Menschen dar und schärft dadurch das eigene Bewusstsein für die Bedingungen, durch die Menschen von einem guten
Weg abkommen. Das über 400 Seiten umfassende Werk ist mit vielen Geschichten und Fallbeispielen gespickt, die Bregman in seinem spannenden Erzählfluss miteinander verknüpft, ohne seine zentrale
These aus den Augen zu verlieren: Als Individuen und als Gesellschaft müssen wir uns neu mit unserem Bild voneinander auseinandersetzen.
Das Menschenbild politischer Bewegungen prägt ihr politisches Programm. So war es auch bei der Sozialen Demokratie, die historisch gesehen die Idee der Solidarität und des Sozialstaates mit einem
positiven Menschenbild begründete. Deswegen war die Einführung von Hartz IV Gegenstand harter Debatten, weil sie damit dem neoliberalen Zeitgeist mit einem skeptischen Menschenbild,
insbesondere von Arbeitslosen, Rechnung trug. Hartz IV war verbunden mit einer Vielzahl von Regeln, durch die man zum Ausdruck brachte, dass man den Menschen nicht eigenständig zutraute, sich
eine berufliche Perspektive aufzubauen. Das neue Sozialstaatskonzept von 2019 befriedete die Debatte durch die Forderung nach einem auskömmlichen Bürgergeld und die Überwindung von
Sanktionen.
Ähnliche Debatten über unser Menschenbild stehen in vielen anderen Politikfeldern an, zum Beispiel dem Klimaschutz. Bemerkenswert ist dabei Bregmans Hinweis zum Menschenbild der Klimabewegung,
die den Menschen ausschließlich auf seine negative Rolle als Ursache des Klimawandels reduziert.
„Zu viele Umweltschützer unterschätzen die Wehrhaftigkeit des Menschen. Und ich fürchte, dass ihr Zynismus zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann, ein Nocebo, das entmutigt
und die Erderwärmung dadurch nur beschleunigt. Auch die Klimabewegung braucht einen neuen Realismus.“
Menschen stellen aber auch die Lösung für den Klimawandel dar, wenn sie in der Breite mobilisiert werden, neue Lösungen für das Wirtschaften und Zusammenleben zu finden. Das gilt für neue
Mobilitätskonzepte in der Stadt genauso wie für eine Installation von Windkraftanlagen auf dem Land, die für die Menschen akzeptabel und profitabel sind.
Wie Menschen auf dem Weg in Transformationsprozesse mitgenommen werden können, ist eine Herausforderung, die die repräsentative Demokratie allein wahrscheinlich schwierig zu gestalten vermag.
Neue Instrumente direkter Beteiligung wie Bürgerhaushalte oder zufällig zusammengesetzte Bürgerräte könnten diese Prozesse auf lokaler Ebene anstoßen, wenn hierfür die
politischen Rahmenbedingungen stimmen, etwa durch Beteiligungen der Leute an den Gewinnen örtlicher Windparks.
https://www.fes.de/akademie-fuer-soziale-demokratie/buch-essenz/rutger-bregmann-2020-im-grunde-gut-eine-neue-geschichte-der-menschheit